Sonntag, 8. März 2015

Tiere essen


"Als ich klein war, verbrachte ich das Wochenende oft bei meiner Oma."

Verlag: Kiepenheuer & Witsch - 392 Seiten - ISBN: 3462040448 - Veröffentlichung: 19. August 2010 - Originaltitel: Eating Anmials

Klappentext 

Wie viele junge Menschen war Jonathan Safran Foer lange Zeit mal Fleischesser, mal Vegetarier. Als er Vater wurde und er und seine Frau überlegten, wie sie ihr Kind ernähren sollten, wollte er sich konsequenter mit seiner Ernährungsweise auseinandersetzen: Warum essen wir Tiere? Würden wir sie auch essen, wenn wir wüssten, wie sie leben und sterben? Foer stürzt sich mit Leib und Seele in sein Thema. Er recherchiert auf eigene Faust, bricht nachts in Tierfarmen ein, konsultiert einschlägige Studien und spricht mit zahlreichen Akteuren und Experten. Vor allem aber geht er der Frage auf den Grund, was Essen für den Menschen bedeutet. Er hinterfragt die Geschichten, die wir uns selbst erzählen, um unser Essverhalten zu rechtfertigen, und die dazu beitragen, dass wir vor den Konsequenzen der Massentierhaltung die Augen verschließen.

Meine Meinung

Es gibt nicht viele Themen in der Öffentlichkeit, die immer mal wieder so gehypt werden, wie das Thema "Ernährung" bzw. die Themen "Massentierhaltung", "vegane/vegetarische Ernährung". Spätestens seit den vielen (durchaus lesenswerten) Kochbüchern von Atilla Hildmann und einer stetig wachsenden Anhängerschaft der grünen Ernährung ist das Thema wieder in aller Munde. So überrascht es nicht, dass "Tiere essen" im Original bereits 2010 erschien.
Nach Lesen des Klappentextes hatte ich die Befürchtung, dass das Buch langweilig und vor allem sehr zahlenlastig und statistisch ist. Obwohl der Autor Jonathan Safran Foer ist. Also der Autor von den (verfilmten) Büchern "Alles ist erleuchtet" und "Extrem laut und unglaublich nah". Einem Geschichtenerzähler par excellence. 

Und so kommt es, dass Foer direkt zu Beginn erklärt, dass das Buch, zu meiner Erleichterung, kein Statistikwerk ist, sondern es ihm vielmehr darum geht, Geschichten zu erzählen. So erzählt er immer wieder aus seinem Leben, seiner Kindheit und er lässt Farmer der Massentierhaltung, vegetarische Farmer (ist der Konsum von Fleisch aus ambitionierten Anbau wirklich vertretbar?) und Aktivisten zu Wort kommen. Und: er bewertet nicht oder zumindest kaum. Er gibt objektiv wieder, was er herausgefunden hat und schildert leicht verständlich und mit einer Prise Humor, aber nie subjektiv. Mir war zu keiner Sekunde langweilig, eben weil das Buch so abwechslungsreich geschrieben ist. Über das Buch verteilt gibt es einige grafische Darstellungen, beispielsweise den Platz, den eine Legehenne in ihrer Batterie hat. Immerhin 0,043 m² - weniger als zwei Buchseiten (was zum Teufel??)
Ich kann mich an kaum ein Buch erinnern, bei dem ich a) so viele Notizen gemacht habe und b) dass mich so schockiert und betroffen gemacht hat. Nach manchen Abschnitten war mir ziemlich flau in der Magengegend. 
Nun bin ich zwar selber seit immerhin zwei Jahren Vegetarier und könnte sagen, dass mich die aktuelle Situation (zumindest in den USA, denn von deren Zuständen berichtet Foer hauptsächlich) nicht groß interessiert, aber dieses Buch rüttelt wach. Es geht nicht bloß um den Fleischkonsum und die erschreckenden Umstände, unter denen die Tiere leben und sterben (ich werde hier noch nicht mal auf die Qualen eingehen), sondern auch um die Themen Umweltverschmutzung und gesundheitliche Folgen für den Menschen, insbesondere die Folgen der Verabreichung von Antibiotika an die Tiere. Die standardmäßige Verabreichung der Medikamente führt zur Resistenz der Viren und dazu, dass Epidemien für die menschliche Bevölkerung immer wieder heiß diskutiert werden. Auf Veränderungen dieses Zustands wird man aber vermutlich noch lange warten.
Was mich extrem geekelt hat, ist die Tatsache, dass bei Inspektoren der "Farmen", oder nennen wir es wie es ist: Fleischfabriken unter der Leitung von Fleischproduzenten (Farmer auf Farmen gibt es nur noch in bunten Kinderbüchern), bei Fäkalien auf den Tieren bzw. im Becken, in dem Borsten / Federn gelöst werden, nur die Rede ist von kosmetischen Mängeln. Heiliger Strohsack. Mir wird schon wieder schlecht, wenn ich nur daran denke, was ich früher alles gegessen habe. Sehr gesundheitsfördernd scheint mir die Massenzucht also nicht zu sein. Könnte der Umstand, dass alles nicht so ganz sauber läuft auch der Grund sein, warum die Türen solcher Betriebe grundsätzlich immer abgeschlossen sind oder liegt es daran, dass die Schweine und Hühner sonst die Türen aufmachen und türmen?
Der Punkt "Umweltbelastung" ist sicher der Punkt, den die wenigsten Menschen im Kopf haben, wenn es um Massentierhaltung geht. Aber 1/3 der Landoberfläche wird für Viehzucht verwendet. Also auch für den Anbau von Futter, Weiden gibt es also nicht genug oder Gras macht die Tiere nicht schnell genug fett. Das wäre ja unwirtschaftlich. Aber vor allem der Tierkot macht der Umwelt zu schaffen. Nicht nur die aufsteigenden Gase, sondern auch die Beseitigung des Kots. In einer perfekten Welt kann der Kot als Dünger dienen. In unserer Welt, wird die ganze Scheiße mit anderen diversen Tierabfällen in metertiefe Löscher mit der Größe von Fußballfeldern gekippt und sackt immer weiter in das Grundwasser und Flüsse ab, während sich die Fäkalwolken über den naheliegenden Orten ausbreiten und krank machen.
Bleibt als letzter Punkt noch der wirtschaftliche Aspekt. Dass es nur noch Fabriken gibt, habe ich bereits erwähnt, interessant ist, dass kein Huhn mehr ist, wie das "Urhuhn". Es gibt Hühner, die Fleisch produzieren und Hühner, die Eier legen sollen. "Frankensteins Genpool" ist hier ein toller Begriff. Das Ganze wird natürlich durch 24 Stunden Licht und nur wenig Dunkelheit gefördert, damit die Tiere auch ja produktiv sind. Wenn sich mal wieder ein Aktivist beschwert, dann hilft die Lobbyarbeit im Kongress dabei, Gesetze abzuschmettern. Die Autorin Nestle vergleicht die Lebensmittelindustrie mit Zigarettenherstellern: "Sie machen alles, was den Verkauf fördert."

"Unsere Nahrung besteht aus Leiden. Wenn man uns anbietet, uns einen Film darüber zu zeigen, woher unser Fleisch kommt, wissen wir, dass es ein Horrorfilm sind wird. Wir wissen vielleicht mehr, als wir zugeben, und schieben das in den hintersten Winkel unseres Bewusstseins - wir wollen damit nichts zu tun haben. Wenn wir Fleisch aus Massentierhaltung essen, leben wir buchstäblich von gefoltertem Fleisch. Und dieses gefolterte Fleisch wird zunehmend unser eigenes."

Darüber hinaus räumt Foer mit Geschichten und Rechtfertigungen auf, an denen sich die Menschen bedienen um weiterhin Fleisch zu essen. Ursprünge dieser Rechtfertigungen finden sich bereits weit in der Vergangenheit.
Würden Sie Hunde essen?? Eine ganz einfache Frage. Sicherlich wird jeder mit einem einfachen "Nein" antworten. In den USA werden streunende Hunde und "nutzlose" Katzen zu Futter für Masttiere verarbeitet. Moment. Wenn die Tiere die Hunde essen und ich dann die Tiere esse..?? 

"Wenn nichts mehr wichtig ist, gibt es nichts mehr zu retten."


Fazit

Wer nach diesem Buch kein Vegetarier ist oder sich Gedanken über seine Essgewohnheiten macht, arbeitet vermutlich bei KFC.
Wenn es Himmel und Hölle gibt, dann stelle ich mir die Hölle so vor, dass man immer und immer wieder als Tier in der Massentierhaltung wiedergeboren wird.



Besten Dank an Kiepenheuer & Witsch


Wer sich lieber oder zusätzlich etwas zum Thema ansehen möchte:



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