Freitag, 7. November 2014

Der Pistoleiro  

"Ich brauchte sieben Jahre, bis Julio Santana mir gestattete, seinen wirklichen Namen in dieses Buch zu setzen."

Verlag: Transit - 165 Seiten - ISBN: 3887472845 - Veröffentlichung: 27. Februar 2013 - Originaltitel: O nome da morte

Klappentext

Von seinem Onkel überrumpelt, gerät Julio Santana mit 17 Jahren auf die Jahrzehnte dauernde Laufbahn eines Auftragsmörders. In Julio Santana, der ohne Hass, aber auch ohne Mitleid seinem Geschäft nachgeht und im Lauf seiner Karriere fast 500 Menschen umbringt, begegnen wir einem Hinterwäldler mit schlichtem und doch nachdenklichem Gemüt, der seinen Beruf akribisch und ehrgeizig praktiziert. Seine Tätigkeit rückt ihn dabei immer wieder in die Nähe brasilianischer Politik: so ist er an der Verfolgung von Gewerkschaftern beteiligt und wird zum Mörder der ersten Guerilleros in den siebziger Jahren. Pedantisch hat er in seinem Notizbuch alle Morde und deren z.T. mächtige Auftraggeber festgehalten - seine Lebensversicherung. Nach 35 Jahren schafft er endlich den Absprung. Seine Kinder halten ihn bis heute für einen Polizisten.

Meine Meinung

Ich wusste sofort, als ich den Klappentext gelesen habe, dass ich das Buch lesen muss. Wie kann jemand zu einem Auftragsmörder (oder sollte ich es lieber bezahlten Serienkiller nennen) werden und wie kann es sein, dass derjenige damit auch noch 35 Jahre beinahe ungestraft davonkommt??
Okay, Brasilien ist sicherlich eines der Länder, in denen Korruption noch weiter oben auf der Tagesordnung standen bzw. stehen (hallo, Sepp Blatter), aber trotzdem: wie geht das?? Der Typ ist ja noch nicht mal ein "kriminelles Genie", das wie ein Geist zwischenzeitlich untertaucht. Nein, er mordet nahezu regelmäßig. Unglaublich.
Das Cover passt perfekt zum Buch. Die buschigen, wilden Augenbrauen, die grimmigen Falten und das insgesamt verlebte Gesicht. So stelle ich mir einen Pistoleiro im Ruhestand vor. Und, ach ja, das ist tatsächlich Julio Santana selbst.
Das Buch ist mit knapp 160 Seiten relativ kurz, sodass mich die ersten ca. 100 Seiten reichlich überrascht haben. Ich dachte, dass Senor Santana fröhlich erzählt, in was für furchtbaren Verhältnissen er aufgewachsen ist und aus Hass an den Menschen und aus Geldnot- und Gier zum skrupellosen Auftragsmörder wurde, mit einem gewissen Talent in Sachen Waffen und einer ausgefeilten Schusstechnik. Zu viel Hollywood. Er wächst im Wald auf, geht jagen und fischen und man kann seine Kindheit behütet nennen. Ärger oder handfeste Streits scheint es zu keiner Zeit zu geben. Also alles easy. Bis er das erste Mal morden muss. Aus Gefälligkeit. Für Naturalien. Er zeigt Skrupel, bereut es und will es eigentlich gar nicht, ja, er schwört bei Gott, dass er nie wieder morden wird.. Aber wenn man immer schön Vater-Unser und Ave-Marias nach einem Mord spricht, geht das mit Gott schon klar. Also wird aus dem "Nie-wieder-morden"-Schwur nichts. Aber dazu später noch mehr. Mir gefällt die tragische Geschichte seiner ersten Liebe, bei der ich beim Lesen richtig mitgefiebert habe. Mir gefällt, dass man durch seine Geschichte eine Menge über die Geschichte, Wirtschaft und Politik in Brasilien erfährt. Er erzählt zum Beispiel davon, wie er der Armee gegen Revolutionskämpfer geholfen hat. Außerdem steigert sich sein Verdienst von ein paar Scheiben Brot über ein paar Scheine bis zu 2 Millionen der brasilianischen Währung. Klingt so, als ob er durch seinen Job reich geworden wäre oder?? Tja, die Inflation grüßt. 2 Millionen = ca. das dreifache durchschnittliche Monatsgehalt der Durchschnittsbevölkerung.
Blutgeld ist auch nichts mehr wert heutzutage.
Was er zum Ende seiner "Karriere" an Geld gespart bzw. an Besitztümern angehäuft hat ist nicht der Rede wert. 500 Leben in 35 Jahren.. unglaublich. 500!! Er tötete Männer, Frauen und sogar Kinder, aber dabei hielt er sich stets an die 5 ehrenwerten Regeln des Pistoleirokodex. Ähnlich wie Dexter Morgan. Und dazu die bereits oben erwähnten Gebete und dann passt das mit dem schlechten Gewissen, dass ihm stets ein treuer Begleiter war / ist.
Die Geschichte, wie er seine Frau kennenlernt, könnte eigentlich romantisch sein, würde er nicht zwischendurch einen Mord begehen.
Machen wir uns nichts vor, das Buch ist grundsätzlich harter Stoff, wenn man bedenkt, dass das alles tatsächlich so passiert sein soll.
ABER: Das gesamt Buch, besonders der Anfang, erscheint mir zu oft wie eine Art Ruf um Vergebung. Ich will nicht sagen, dass man die Reue zu oft spürt, das geht wahrscheinlich nicht, wenn man 500 (ich kann das gar nicht oft genug betonen, Fünf-hun-dert!!) Menschen getötet hat, aber dieses "Ich wollte das ja eigentlich gar nicht", "mein Onkel ist Schuld an diesem ganzen Schlamassel" nervt. Wenn du niemanden umbringen willst, dann lass es (sonst sollte natürlich auch niemand umgebracht werden!!). Aber schieb es nicht die ganze Zeit jemand anderem in die Schuhe. 
Klar, ich kann jetzt große Reden schwingen aus meinem beheizten Wohnzimmer, am Laptop sitzend, aber bitte... kein Mitleid für einen Mörder.

Fazit

Das Buch ist ambitioniert, solche Geschichten müssen erzählt werden. Aber nicht so. Nicht so auf diese Mitleidsschiene. Das wertet das Werk stark ab.
Noch eine kleine Theorie meinerseits: 

SPOILER-ALERT 

Julio wird zum Mörder, weil seine Jugendliebe ihn verlässt und er hängt die Flinte an den Nagel, weil seine Ehefrau es von ihm verlangt. Folglich: 
Wenn seine Jugendliebe ihn nicht verlässt, geht er nicht in die Stadt und schließt sich nicht der Armee an bzw. geht Julio nicht mit seinem Onkel und wird nicht zum Pistoleiro => keine 500 Leichen => Friede, Freude, Eierkuchen. 

Also meine lieben Leserinnen, behandelt eure Männer gut und niemand wird getötet ;-)



Besten Dank an den Transit-Verlag



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