Montag, 7. Dezember 2015

Harro Albrecht - Schmerz: Eine Befreiungsgeschichte



Verlag: Pattloch - 608 Seiten - ISBN: 3629130389 - Veröffentlichung: 2. März 2015

Klappentext

Schmerz ist die Grenzfläche, an der Psyche und Körper aufeinandertreffen. Er ist Wundschmerz und Trennungsschmerz, ist körperliche und seelische Verletzung. Er ist die Grundlage vieler Religionen und Motor der Kultur. Ohne Schmerz keine Kunst, keine Sprache und kein Denken. Doch bis heute ist der Schmerz ein unreligiöses Rätsel, immer noch leiden die Menschen millionenfach unter Schmerzen. Harro Albrecht erzählt vom langen Kampf gegen diese menschliche Ur-Erfahrung, von Fortschritten, Fehlschlägen und ungelösten Fragen. Sein Resümee: Es ist an der Zeit, dass wir den Schmerz aus der Umklammerung der Medizin befreien.

Meine Meinung

"Schmerz: Eine Befreiungsgeschichte" ist weniger ein Buch, als vielmehr ein umfassendes Werk mit 12 Akten. Der Titel ist Programm. Harro Albrecht beschreibt auf gut 600 Seiten, beinahe biografisch genau, die unterschiedlichen Facetten der menschlichen Urempfindung "Schmerz".

Das Lesegefühl entspricht der Lektüre eines "Geo-Wissen"-Heftes: ein sehr angenehmer Schreibstil, der dem Leser, in zahlreichen Geschichten eingebettet, vielschichtige Informationen bietet. Beginnend mit Fallberichten über das Vorhandensein oder das Fehlen von Schmerzen, werden ernüchternde aktuelle Forschungsergebnisse vorgestellt. Die Entwicklung des Verständnisses von Schmerz wird über die letzten 300 Jahre aufgearbeitet, Therapiemethoden diskutiert und zusätzlich noch auf vielen Nebenschauplätzen Schmerz und seine Auswirkungen thematisiert.
Kaum ein Aspekt bleibt unberücksichtigt, was zugleich Fluch und Segen dieses Buches ist. Segen, weil eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem Thema - einmal abgesehen von Fachliteratur - schwerlich zu finden sein wird. Fluch, weil man sich vom Ausmaß des Textes beinahe erschlagen fühlt und der Autor an manchen Stellen auch sicherlich hätte kürzer treten können oder gar müssen.
Nicht alles auf einmal, sondern über einen längeren Zeitraum in Kapitel geteilt zu lesen, ggf. etwas zu überfliegen, sind sicherlich nützliche Tipps für potenzielle Leser. Denn lohnen wird sich die Lektüre allein schon ob der persönlichen Relevanz, die Schmerz für jeden von uns hat. 


Als Vorgeschmack dafür zum Abschluss drei Zitate:
S. 90: "Die Menschen verlernen es, das Leiden als unvermeidlichen Teil ihrer bewussten Auseinandersetzung mit der Realität zu akzeptieren, und sie lernen, jeden Schmerz als Zeichen ihres Bedürfnisses nach Schonung und Rücksichtnahme zu deuten." Ivan Illich
S. 306: "Der Patient solle begreifen, dass der Schmerz modulierbar ist und er selbst daran arbeiten müsse."
S. 393: "Bis ins kleinste Detail ist bekannt, welche Rezeptoren im Akutschmerz reagieren, welche Entzündungsstoffe ausgeschüttet werden, welche Nerven elektrische Impulse weiterleiten. "Das Mysterium ist" sagt Jeff Mogil, "warum uns dieses Wissen nicht weiterhilft, Rückenschmerzen zu behandeln." Milliarden und Abermilliarden Dollar hätten Regierung und Industrie in den vergangenen Jahrzehnten in die Schmerzforschung investiert und es gibt wenig vorzuzeigen. "Viele Strukturen, die Wissenschaftler als Fixpunkte im Schmerzgeschehen angesehen haben, lösen sich vor ihren Augen auf. Angeblich hochspezialisierte Nervensensoren für schädliche Reize entpuppen sich als flexible Sensoren für alle möglichen Reize, das zentrale Nervensystem hat kein Schmerzzentrum, und es sind vermutlich so viele Gene am Schmerz beteiligt, dass man gleich den ganzen Menschen zur wandelnden Schmerzeinheit erklären könnte. Sehr viele Stoffe wirken zwar im Labor oder bei Tiere - aber nicht beim Menschen."

Verfasst von: Max 

Besten Dank an Pattloch

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